Die erste und einzige Untersuchung zur aktuellen Lage,
den Belastungsfaktoren
und Zusammenhängen mit betrieblichen Faktoren
Studienautorin: Maria Roth
Veröffentlichung: 2021
Analyse & Ausarbeitung: Franziska Aumer
Die Psychologin (M. Sc.) Maria Roth schrieb die erste Erhebung dieser Art für den gesamten deutschsprachigen Raum. Während das Phänomen der erhöhten psychischen Erkrankungen im bäuerlichen Berufsstand bereits seit langem international Beachtung findet, fehlte dies bisher gänzlich in Deutschland und Österreich.
Diese Themen sind für
kaum einen Landwirt neu, viele haben damit bereits Erfahrungen
gesammelt – entweder persönlich oder im Umfeld. Das zeigt wie
schwerwiegende, psychische Probleme bereits in der Mitte des
Berufsstands angekommen sind.
Trotzdem wird selten offen darüber gesprochen.
Das hat sich 2021 geändert.
Durch das Engagement einer motivierten
Landwirtstochter existiert nun eine belastbare Studie zu diesem Thema
mit dem Titel „Prävalenz und Prädiktoren von Burnout, Depression und
Angst bei Landwirten und Landwirtinnen in Deutschland und Österreich“.
Die Psychologin (M. Sc.) Maria Roth schrieb die erste Erhebung dieser
Art für den gesamten deutschsprachigen Raum. Während das Phänomen der
erhöhten psychischen Erkrankungen im bäuerlichen Berufsstand bereits
seit langem international Beachtung findet, fehlte dies bisher gänzlich
in Deutschland und Österreich.
Um eine aussagekräftige Studie zu erstellen wären 384 Landwirte
notwendig
gewesen, Roth analysierte die Rückmeldung von 2.788 deutschen
und
österreichischen Teilnehmern. Die Fragen wurden anhand
gängiger Methodiken (Copenhagen Burnout Inventory (CBI), Hospital
Anxiety and Depression Scale) erstellt.
Durch die große Zahl an Teilnehmern und die
saubere Methodik kann die Studie als sehr belastbar und
aussagekräftig
angesehen werden.
Im Diagramm sind die Kernerkenntnisse der Studie zu sehen. Es sind lediglich die „auffälligen“ Teilnehmer*innen gelistet – bei welchen man von einer Erkrankung mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgehen kann. Dazu kommen noch zahlreiche Landwirte, welche sich im „grenzwertigen“ Bereich befinden – dort kann eine akute Gefährdung bis hin zur Betroffenheit angenommen werden. Diese Aufteilung wurde anhand HADS-Skala definiert.
46% der Landwirte gelten als psychische krank.
Das ist eine erschreckend große Zahl, doch wie lässt sich diese einordnen?
Betrachtet man die Prävalenz, sprich gesamte Anzahl der
Krankheitsfälle der Bevölkerung während eines Zeitpunkts bzw. Zeitraums,
so lässt sich erkennen das das die Landwirte auch im deutschen bzw.
europäischen Vergleich deutlich erhöhte Werte vorweisen.
Agrarpolitik / Richtlinien
Komplexe Bürokratie & hohe Auflagen
Darstellung in den Medien
Finanzielle Schwierigkeiten
Es ist deutlich zu erkennen, dass Landwirte als Berufsgruppe signifikant gefährdeter sind als die Allgemeinbevölkerung. Doch wie sieht es im Detail betrachtet aus? Im nebenstehenden Diagramm sieht man deutlich, wie es um den Berufsstand steht. Je nach Krankheitsbild sind nur 50,7% (Depression) bis 36,5% (Angst) der Landwirte nicht betroffen. Bei Burnout konnte keine Aussage über die „grenzwertigen“ Fälle getroffen werden, da die Erfassungsmethode (CBI) nur in betroffen oder nicht betroffen unterscheidet.
Insgesamt erfüllen 45.7% der Landwirte die Kriterien für die
Diagnosestellung mindestens
einer psychischen Störung“ [S.43,85]
Landwirte im Vollerwerb sind stärker von Burnout, Depression und Angst betroffen,
als Berufskollegen im Nebenerwerb [S.93].
Die Ergebnisse sind
nachvollziehbar, betrachtet man die Umstände die mit den
unterschiedlichen Betriebsformen einhergehen.
Roth geht davon aus, dass der Beruf Landwirt mit“seinen
heutigen Bedingungen psychische Belastung fördert“.
Durch den
Nebenerwerb bestünde nur die „halbe“ Belastung, und somit reduzieren
sich auch die negativen Auswirkungen. Viele Belastungen wie finanzielle
Probleme oder Isolation treffen Landwirte im Vollerwerb, deren Betrieb
die Haupteinnahmequelle darstellt, wesentlich stärker [93].
Die Autorin der Studie hat den Fragenbogen auch aufgrund des Geschlechts
analysiert. Bereits internationale Untersuchungen haben gezeigt, dass
Frauen betroffener in allen drei Ausprägungen drei Krankheitsbildern -
Depression, Angst und Burnout - sind. Es zeigte sich auch im
deutschsprachigen Bereich, dass ein deutlich höheres Risiko und eine
höhere Betroffenheit hinsichtlich Burnout- und Angstgefährdung besteht.
Lediglich bei Depression konnte keine eindeutige
Signifikanz festgestellt werden, wobei diese Zahlen stark an
der Grenze zur
Signifikanz hinsichtlich der Mehrgefährdung von Frauen
waren. [S.44-47,86]
Die Psychologin begründet diesen Unterschied mit der immer noch häufig
vorkommenden, klassischen „Rollen- und Arbeitsteilung“ auf
den Betrieben
[S.85].
Viele Frauen tragen die Hauptverantwortung für den
Haushalt sowie die
Kinder und stemmen nebenbei noch zahlreiche Aufgaben auf dem
Betrieb. Durch
diese Mehrfachbelastung „fühlen sich viele Landwirtinnen
stark beansprucht und
an ihre Grenzen gebracht.“ [S.85] Interessant hierbei ist
auch die Betrachtung der Position im Betrieb bezüglich der psychischen
Gesundheit. Es wurde festgestellt, dass das Risiko für Burnout bei
den Partner*innen (in der Studie 89% weiblich [S.89])
wesentlich höher ist als bei
den Betriebsleitern, oder Hofnachfolgern selbst. [S.63]
Die Studie zeigt, dass Milchviehbauern signifikant häufiger von Angst
betroffen sind als Berufskollegen aus anderen Sparten. [S.72] Sie sind
auch wesentlich häufiger auffällig beim Thema Depression [S.71]. Zudem
sind Milchbauern häufiger betroffen und es besteht ein größeres Risiko
für
Burnout [S.61-62]. Beim Thema Burnout lässt sich der
Sachverhalt gut in Zahlen fassen.
Auch hierzu hat die Autorin die Hintergründe beleuchtet. Zum einen herrscht „auf Milchviehbetrieben eine Schieflage zwischen Aufwand und Ertrag [...], was die Überlastung und Erschöpfung erklärt.“ Zum anderen ist der „Milchpreis so hoch wie vor 40 Jahren“ [Stand 2021], während die „Lebenshaltungs- und Produktionskosten heute aber deutlich höher sind“. Es haben sich zwar die Zahlen bis dato geändert, aber die Schieflage und die (langfristigen) finanziellen Folgen bleiben. Dazu kommen noch die extremen Preisschwankungen der Erzeugnisse, der globale Markt und die damit verbundene internationale Konkurrenz.
Deutsche Landwirte sind gefährdeter als ihre österreichischen Kollegen
Zum einen zeigte sich, dass die Lage ein entscheidender Faktor ist. Deutsche Landwirte sind tendenziell gefährdeter als ihre österreichischen Berufskollegen – und das in allen drei Ausprägungen.
Das ist unter anderem darin
begründet, dass der Strukturwandel in Deutschland bereits sehr stark
fortgeschritten ist und dieser mit mehr Geschwindigkeit von statten
geht. Zudem sind noch 4% der österreichischen Bevölkerung Landwirte, in
Deutschland lediglich mehr 1%. Das ist relevant, weil sich daraus u.a.
auch der Rückhalt und das Verständnis der Bevölkerung in großen Teilen
ergibt (siehe Belastungsfaktoren). [S.88]
Konventionelle sind gefährdeter als ökologisch wirtschaftende Landwirte.
Des Weiteren entscheidet auch die betriebliche Ausrichtung nach konventionell oder ökologischer Bewirtschaftungsweise [S.78].
Bei der Burnout Symptomatik ergab sich kein signifikanter Unterschied.
Jedoch zeigen die Ergebnisse dass konventionell wirtschaftende Landwirte stärker von Angst und Depressionen betroffen sind als ihre Kollegen [S.78, 93].
Betrachtet man die Belastungsfaktoren welche am meisten ins
Gewicht fallen - Agrarpolitik, finanzielle Lage, Darstellung in den
Medien – sind die Gründe doch recht nahe liegend.
Die Autorin formuliert
es wie folgt „In den letzten Jahren sind konventionell arbeitende
Landwirt*innen zunehmend in den Fokus der Politik und Gesellschaft
geraten in Zusammenhang mit
Klimaschutz und Umwelt.“[S.94]. Sie sind viel öffentlicher
Kritik ausgesetzt, durch die Verwendung von Pflanzenschutzmittel oder
als „Mitverursacher von Bienensterben und Boden-/Luftverschmutzung“.
„Dass dies auch für die jeweiligen Landwirt*innen eine Belastung
darstellt, ist nachvollziehbar.“, so Roth.
Auch bei der Erwerbsform gab es Unterschiede.
Die Psychologin hat zudem untersucht, ob es Überschneidungen der unterschiedlichen Krankheitsbilder gibt. Unimorbid bedeutet, dass die Kriterien für eine Störung erfüllt sind. Komorbid bezeichnet eine Erkrankung an mindestens zwei Ausprägungen.
Betrachtet man die Krankheitsbilder getrennt voneinander, sind die Ergebnisse bereits alarmierend. Aber die Krankheitsbilder kombinieren sich in vielen Fällen, vor allem wenn man die Themen Depression, Angst und Burnout betrachtet. Um nun ein umfassendes Bild des psychischen Zustands unserer Landwirt*innen zu erhalten müssen auch die Überlappungen betrachtet werden.
Bei 25.9% der erkrankten Landwirte in der vorliegenden Stichprobe liegt eine Überlappung vor.
Sie
sind komorbide und somit von zwei bzw. drei Störungen betroffen. [S.44]
Wenn man alle erkrankten bzw. „auffälligen“ Landwirte betrachtet (grenzwertige
Fälle nicht miteingeschlossen), dann sind 19,9% „nur“ an einer Ausprägung
erkrankt, 14,5% an zwei (komorbid), 11,4% an sogar 3. Insgesamt sind 25,9%
von 2-3 Störungsbilder gleichzeitig betroffen.
Es gibt viele Gründe, wieso ich gerade die Studie von M. Roth aufgegriffen habe. Einer davon ist, meinen Berufskollegen zu zeigen, dass Sie nicht alleine in Ihrer Not sind.
Burnout, Depression, Panik und Angstattacken: Sie treffen fast jeden Mal in der landwirtschaftlichen Laufbahn.
Es zeigt von Stärke in solchen Momenten das Gespräch zu suchen und Hilfe anzunehmen.
Du fühlst dich angesprochen? Schau mal auf den folgenden Seiten vorbei.
Du fühlst dich angesprochen aber denkst "soweit ist es noch nicht?". Dann möchte ich dir aus eigener Erfahrung auf dem Weg geben: Es gibt kein zu früh - aber es gibt ein zu spät.